Artsip Graz bietet Kreativitätsworkshops, bei denen nicht das künstlerische Ergebnis, sondern Entspannung und Lebensqualität im Mittelpunkt stehen. Gründerin Jasmin Dhanani will daraus ein Geschäftsmodell machen, das auch Unternehmen zunehmend anspricht.

Früher brauchte man für eine Sinnkrise einen Therapeuten, für eine Vase einen Töpferkurs und für schlechte Laune vielleicht ein Glas Wein. Heute gibt es Artsip. Das Grazer Unternehmen bietet Workshops an, bei denen Menschen töpfern, knüpfen oder Buchstaben schön schreiben, ohne hinterher Künstler sein zu müssen. Das ist bemerkenswert in einer Gesellschaft, in der selbst der Spaziergang möglichst eine Schrittzahl produzieren soll.
Jasmin Dhanani, die Artsip 2022 mit Jürgen Neubauer gegründet hat, will vor allem eines verkaufen – zwei Stunden Ruhe vor dem eigenen Kopf! „Die wenigsten, die zu uns kommen, wollen wirklich kreativ sein“, sagt sie erstaunlich unverblümt. Sie wollen nicht an ihre Mails, ihre Aufgaben und jene Menschen denken, deren Leben auf Instagram makellos verläuft. Wer sein Handy kurz weglegt, hat heute offenbar bereits eine anspruchsvolle Freizeitbeschäftigung gefunden.
Artsip Graz – Ein Fitnessprogramm für den Kopf
Dhanani wirkt wie jemand, dem Stillstand nie besonders gelegen kam. Als Kind bastelte sie stundenlang, ritt professionell, tanzte Ballett und Hip-Hop und spielte Klavier. Später absolvierte sie eine Mechatroniklehre, arbeitete im Sozialbereich und in der Weltraumforschung, studierte Innovationsmanagement und Content Strategy. Zeitweise liefen drei oder vier Dinge parallel. Ihre alleinerziehende Mutter habe sie früh zur Selbstständigkeit erzogen.
Und ausgerechnet der Sport brachte sie auf die Geschäftsidee. Für Fitness gibt es Abos, Studios und Apps mit dem einfachen Ziel, sich mehr zu bewegen. Für Kreativität gibt es zwar auch Kurse, doch dort steht meist das künstlerische Ergebnis im Vordergrund. Dhanani und Neubauer übertrugen das Fitnessprinzip auf die Kreativbranche und bieten handwerkliche und künstlerische Workshops an, bei denen nicht das Talent für eine Künstlerkarriere zählt, sondern allein die Freude am kreativen Tun.

Mit bloßer Beschäftigungstherapie hat das Artsip-Angebot allerdings nichts zu tun. Dhanani und Neubauer arbeiten mit dem Grazer Creative Cognition Lab zusammen und untersuchen die Wirkungen kreativer Aktivitäten auf Stress und Entspannung. Die wissenschaftliche Botschaft lautet, dass unterschiedliche Tätigkeiten auf unterschiedliche Weise beim Abschalten helfen können. Artsip grenzt sich aber ausdrücklich von Psychotherapie ab. Wer ernsthaft erkrankt ist, braucht professionelle Hilfe, keinen Makrameeknoten.
Unternehmen entdecken Kreativität gegen Stress
Das Geschäft funktioniert vor allem dort, wo Stress längst eine Personalangelegenheit ist. Unternehmen buchen Workshops zur betrieblichen Gesundheitsförderung oder Teamevents. Der Firmenbereich bringe deutlich mehr Geld als Privatbuchungen, sagt Dhanani.
An Privatkunden richten sich die Angebote im neuen Craft Café im „Wilden Mann“ in der Grazer Jakoministraße. Denn zum allgemeinen Erschöpfungsgefühl gesellt sich ein weiteres modernes Leiden – Einsamkeit trotz dauernder digitaler Vernetzung. Man zahlt Geld dafür, zwei Stunden lang unter professioneller Anleitung gemeinsam mit Fremden etwas Kreatives zu machen.
Rund 80 Künstler und Handwerker gehören zum Netzwerk. Sie werden nach Stunden bezahlt, erhalten Material und Unterstützung bei Organisation und Vermarktung. Die Formate werden gemeinsam entwickelt. Beim SMASH Festival auf den Grazer Kasematten durften Besucher die Arbeiten der Kreativen nicht nur bewundern, sondern selbst ausprobieren.
Dhanani spricht viel über Fairness. Ungerechtigkeit habe sie schon als Kind aufgeregt. Ein Social Enterprise, das sich wirtschaftlich selbst tragen soll, steht freilich vor einer besonderen Herausforderung. Gemeinwohl lässt sich schwer mit unbezahlten Rechnungen finanzieren.
Zwischen sozialem Anspruch und wirtschaftlicher Realität
Förderungen seien anfangs ausgeblieben, inzwischen unterstützt die Austria Wirtschaftsservice GmbH (aws) die Entwicklung einer App, die je nach Befinden passende Workshops empfehlen soll.
Bei den Krankenkassen mahlen die Mühlen langsamer als jede Töpferscheibe. Österreich liege bei Creative-Health-Angeboten deutlich zurück, findet Dhanani. In Großbritannien oder Skandinavien sei man längst weiter. Hierzulande wird einstweilen geprüft, ob Entspannung überhaupt in die bestehenden Antragsformulare passt.
Bleibt die Frage, ob die Geschäftsführerin selbst abschalten kann. „Momentan ist es wirklich schwierig“, räumt sie ein. Das eigene Wohlbefinden komme manchmal zu kurz. Existenzängste dagegen kennt sie kaum. „Wir leben einfach mit dem Risiko.“ Und zur Not finde man in Österreich immer einen Job.
Vielleicht liegt die Kunst von Jasmin Dhanani ja darin, anderen ihre Gelassenheit beizubringen.


